Es handelte sich um den vierten derartigen Besuch im ÖRK-Sekretariat seit der Gründung des postkonfessionellen Chinesischen Christenrates (CCC) 1980. Der letzte Besuch hatte im Jahr 2003 stattgefunden. Der CCC, der 2009 rund 19 Millionen Kirchenglieder zählte, war 1991 auf der Vollversammlung in Canberra als Mitglied im ÖRK offiziell aufgenommen und so mit der weltweiten Kirchengemeinschaft wieder vereint worden. Bei einem Runden Tisch, organisiert von der ÖRK-Kommission der Kirchen für Internationale Angelegenheiten, hielten die Delegationsmitglieder Vorträge zu drei Themen, die für Leben und Zeugnis der Kirche in China wesentlich sind – „Religionspolitik in China“, „Die Rolle der Religion bei der Förderung einer ‚harmonischen Gesellschaft’“ und „Die Rolle der Kirche im heutigen China“.
Mit Blick auf die Religionspolitik und die Beziehungen zwischen Kirche und Staat war sich die Delegation einig, dass derzeit eine „goldene Ära für die Entwicklung der Religionen in China“ angebrochen sei. Die Kirche in China wirke außerdem auf verschiedenen Wegen mit, um vor Ort eine „harmonische Gesellschaft“ zu fördern.
CCC-Generalsekretär Kan Baoping erklärte, dass religiöse Gemeinschaften allgemein und insbesondere die protestantische Kirche in den letzten 30 Jahren in China ein rasantes Wachstum erlebt hätten. Er sagte, die Überwindung konfessioneller Spaltungen sei einer der Gründe für diese Vitalität der Kirchen. Sie sei auch deshalb wichtig, weil die chinesische Kultur mehr Wert auf Gemeinsamkeiten lege als auf Unterschiede.
Ein weiterer Erfolgsfaktor war laut Kan das Verständnis, dass jedes Kirchenmitglied dafür mitverantwortlich ist, das Evangelium an seine Familie und Nachbarn weiterzugeben, als Ausdruck des Priestertums aller Gläubigen. Kan sprach über Evangelisationsmethoden, die sich vom einfachen Weitersagen der guten Nachricht bis hin zu einer sichtbaren Umsetzung des Evangeliums durch Dienste an der Gesellschaft wie AIDS-Prävention oder Betreuung von Waisenkindern entwickelt hatten.
In seiner Begrüßungsansprache an die chinesische Delegation würdigte ÖRK-Generalsekretär Pastor Dr. Olav Fykse Tveit die Rolle der chinesischen Christen bei der Gründung des ÖRK. Zudem erklärte er, er freue sich auf die zukünftige Zusammenarbeit mit der neuen Führung des Chinesischen Christenrates, insbesondere im Hinblick auf die nächste ÖRK-Vollversammlung in Asien, die im Oktober 2013 in Busan, Korea, stattfinden wird.
Unter den Mitgliedern der Delegation befanden sich der Generalsekretär und der Präsident des CCC, die beide 2008 ins Amt gewählt worden waren, sowie Führungsverantwortliche der chinesischen Drei-Selbst-Bewegung. Tveit beschrieb den chinesischen Kontext als „einen der spannendsten für die Zukunft des Christentums“.
Pastorin Zhang Shuilian, Vizevorsitzende des Regionalausschusses der Provinz Hubei der Drei-Selbst-Bewegung der protestantischen Kirche, erklärte, die Christen hätten im heutigen China grundsätzlich einen guten Ruf. Dies sei auf ihr Engagement für gesellschaftliche Bedürfnisse zurückzuführen. So sammelten sie zum Beispiel Spenden für die Opfer des Erdbebens in der chinesischen Provinz Sichuan im Jahr 2008, fügte sie hinzu.
Zhan erzählte, die städtischen Kirchen verfügten oft über spezielle Programme zur Integration von Wanderarbeitern. In ländlichen Gebieten wiederum stellte das kirchliche Leben ein wesentlicher Faktor dar, um die Leerstelle im Alltag der älteren Menschen und Kinder zu füllen, die dort zurückblieben, während die anderen Familienmitglieder auf der Suche nach Arbeit in die Städte zogen.
Stabilität im Familienleben zu fördern, fügte sie hinzu, sei eine Möglichkeit für das Christentum und andere Religionen, die Maßnahmen der Regierung zu unterstützen, die darauf abzielen, eine „harmonische Gesellschaft“ aufrechtzuerhalten. Zur Erreichung dieses Ziels tragen auch solide interreligiöse Beziehungen bei.
In einer Reflexion während eines Gottesdienstes mit Mitgliedern des Mitarbeiterstabs im Ökumenischen Zentrum in Genf sagte der Präsident des CCC, Pastor Gao Feng, die Kirche sei eine „Gemeinschaft vergebender Sünder“ und fügte hinzu: „Indem wir vergeben, erfahren wir Gottes Vergebung; wenn wir lieben, können wir Gottes Liebe erfahren.“
Im Anschluss an den Runden Tisch traf sich die Delegation des CCC beim Mittagessen mit den Generalsekretären des ÖRK, des Lutherischen Weltbundes – Pastor Martin Junge – der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen – Pastor Dr. Setri Nyomi – sowie der Generalsekretärin der Christlichen Vereine junger Frauen (CVJF) Nyaradzayi Gumbonzvanda. Später am selben Tag besuchte die Delegation das Ökumenische Institut in Bossey.
]]>Die von der offiziellen Nachrichtenagentur Xinhua und vom chinesischen Staatsfernsehen veröffentlichten neuen Zahlen sind das Ergebnis einer Erhebung, die von den Professoren Tong Shuun und Liu Zhongyu von der Shanghaier Lehrer-Universität unter 4.500 Personen durchgeführt wurde.
Die chinesische Regierung hielt bis heute an der offiziellen Zahl von 100 Millionen gläubigen Menschen fest. Die Tatsache, dass die neuen Zahlen (300 bis 400 Millionen) auch während einer Sitzung der Politischen Konsultativkonferenz Anfang März erwähnt wurden, verleiht dieser Erhebung einen halboffiziellen Charakter.
Besondere Aufmerksamkeit verdient nach der Shanghaier Meinungsumfrage das Wachstum des Christentums. Nach offiziellen Angaben gab es im Jahre 2005 rund 16 Millionen Christen, die Untersuchung von Tong und Liu ergaben jedoch, dass sich 12% aller Gläubigen zum Christentum bekennen; das sind 40 Millionen Menschen.
Die beiden Forscher fragten auch nach den Gründen der Religionszugehörigkeit: 24,1% der Befragten sagten, dass die Religion „den wahren Weg des Lebens“ zeige, 28% meinten, dass die Religion helfe, Krankheiten zu heilen, Unheil zu vermeiden und das Leben besser zu meistern. Diese Meinungen kämen zwar überwiegend bei der Landbevölkerung zum Ausdruck, doch seien sie keineswegs – so Professor Liu – mit der Armut verbunden, denn die Befragten wohnten in den mehr entwickelten Küstenregionen. Liu schreibt die wachsende Religiosität der Religionsfreiheit im Lande sowie den sozialen Problemen zu, mit denen die Menschen in der sich schnell verändernden Zeit konfrontiert würden. Dies betreffe besonders die Jugendlichen, denn das Wachstum der Religiosität unter ihnen sei seit dem Jahr 2000 besonders auffallend. Bei früheren Erhebungen waren die meisten Gläubigen über 40 Jahre alt. Die neue Umfrage ergab, dass 62% von 1.435 befragten Gläubigen zwischen 19 und 39 waren. Nur 9,6% waren 55 Jahre oder älter. Diese Altergruppe war – so Professor Liu – in den 1950er Jahren Atheisten. 72% der Befragten sagten. Sie seien glücklicher, nachdem sie gläubig geworden seien. Die Untersuchung ergab ferner, dass Religiosität eindeutig zur Entwicklung der harmonischen Gesellschaft positiv beitrage, indem sie zum Beispiel die Kriminalitätsrate zu senken helfe.
Regierungsstellen in Beijing halten jedoch an der offiziellen Zahl von 16 Millionen Protestanten und 5 Millionen Katholiken fest. In einem Bericht des amerikanischen Kongresses ist hingegen von 30 bis 100 Millionen Protestanten in China die Rede und auch davon, dass nach einer internen Studie der Kommunistischen Partei Chinas mittlerweile nicht weniger als 20 Millionen der 60 Millionen Mitglieder der chinesischen Kommunistischen Partei an “religiösen Praktiken” teilnehmen.
Nach Angaben des Chinesischen Statistischen Amtes vom 1. März 2007 betrug die Einwohnerzahl 1.314.480.000 Menschen. Die Hälfte der Bevölkerung ist männlich, und bei den Geburten im Jahre 2006 war das Verhältnis von Jungen und Mädchen 119 zu 100. Die Disproportion der Geschlechter wächst ständig weiter. 60% der Chinesen leben auf dem Lande. Nach amtlichen Prognosen sollen im Jahre 2010 rund 50% der chinesischen Bevölkerung in den Städten leben.
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